Humangenetik und Behinderung

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Widersprüchliche Zustimmung

( Beitrag für  Retina aktuell, Rubrik Ethik)

„Sind Sie der Meinung, dass ein neuer Mensch im Augenblick der Verschmelzung der Samenzelle eines Mannes und der Eizelle einer Frau entsteht?“

Das ist eine der Fragen in einer repräsentativen Befragung, die das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap durchführte und von der die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) im April 2002 berichtete. Die Antwort auf diese Frage ergab einen hohen Zuspruch: mehr als drei Viertel (76%) der Befragten stimmten zu, dass mit der Kernverschmelzung ein neues menschliches Leben beginnt, nur 17% verneinten das. Das ist eine sehr eindeutig Zustimmung.seitenanfang    zur Startseite

Eine weitere Frage lautete: „Sind Sie für die Zulassung entsprechender Untersuchungen bei einer künstlichen Befruchtung, um Embryonen mit Behinderung sofort erkennen und beseitigen zu können?“. Das „um“ in der Frage bedeutet: in der Absicht, mit dem Ziel, einen als behindert diagnostizierten Embryo zu beseitigen, sprich zu töten. Mehr als die Hälfte der Befragten (52%) waren dafür, 39% waren dagegen. Eine Differenzierung der Befragten zwischen „behindert“ und „nicht-behindert“ wurde leider nicht gemacht; es ist darum nicht erkennbar, ob und wenn ja wie viele der selbst Betroffenen der einen oder der anderen Antwort zuzurechnen sind.

Stellt man sie Ergebnisse dieser beiden Fragen einander gegenüber, zeigt sich ein Widerspruch: man hält einen Embryo zwar für ein menschliches Wesen, stimmt aber trotzdem zu, dass er beseitigt werden soll, wenn eine Behinderung bereits vorgeburtlich diagnostiziert wird. Als Erklärung für dieses Kontrastbild sind verschiedene Beweggründe denkbar. Einer von ihnen besteht in der Möglichkeit, dass von vielen Menschen einem künstlich erzeugten Embryo trotz erfolgter Kernverschmelzung nicht der Status eines neuen Menschen zuerkannt wird wie dem natürlich gezeugten. Man findet in Veröffentlichungen oft den sprachlichen Unterschied zwischen dem (natürlich) gezeugten und dem (künstlich) erzeugten Embryo. Mindestens bis zu Nidation genießen die Letzteren kein unbedingtes Recht auf Lebensschutz; darum gelten sie für Fremdnutzung (z.B. Forschung) als verfügbar und verwendbar. Allerdings gilt bei Vielen, nicht nur Wissenschaftlern, solche Rechtlosigkeit bis zu Nidation auch bezüglich der natürlich gezeugten Embryonen.

Ebenso kann man daraus schließen, dass eine Behinderung des Embryos für viele Menschen schwerer wiegt als sein Menschsein, und dass sie daraus ein Recht herleiten, dieses neue menschliche Leben beseitigen zu lassen. Menschenwürde steht gegen Nutzwert. Sicher spielt bei den Eltern der verständliche Wunsch eine Rolle, nur gesunde Kinder zu haben. Da es ein (Grund-)Recht auf ein (gesundes) Kind nicht gibt, soll nun die Medizintechnik diesen Wunsch realisieren.

Dennoch halten 71% das im internationalen Vergleich strenge deutsche Embryonenschutz (ES)-gesetz für richtig, nur 23% halten es für falsch. Auch hier zeigt sich im Ergebnis der Befragung nochmals eine gewisse Unklarheit oder ein Widerspruch. Das ES-Gesetz verbietet es, einen Embryo für einen wissenschaftlichen oder medizinischen Zweck zu verwenden. Fremdnutzung ist verboten, dem Gesetz zufolge ist nur eine Selbstnutzung erlaubt ist, das heißt eine, die direkt dem betreffenden Embryo zugute kommt.

Eine ähnlich hohe Zustimmung ergibt sich bezüglich des Stammzellenimports. Die Frage dazu lautete: „Deutsche Forscher wollen jetzt an importierten embryonalen Stammzellen forschen. Dazu müssen im Ausland lebensfähige menschliche Embryonen getötet werden. Halten Sie ein neues Gesetzt, das diesen Import im Interesse des wissenschaftlichen Fortschritts erlauben will, für richtig oder für falsch?“. Diese Fragestellung ist so neutral und sachlich gestellt, dass sie nicht den Eindruck erweckt, eine der beiden Alternativen werde vom Fragesteller bevorzugt, um die Meinungsbildung der Befragten zu beeinflussen. Mehr als zwei Drittel (69%) lehnen ein solches Erlaubnisgesetz ab (manche Wissenschaftler sprechen dabei offen von einer Doppelmoral), nur knapp ein Viertel (24%) hält es für richtig. Diese Antwort bestätigt den Eindruck, dass der Lebensschutz für den Embryo in der Bevölkerung grundsätzlich eine hohe Zustimmung findet.

Das wird besonders deutlich an der Einstellung gegenüber dem Klonen eines Menschen: 83% sind dagegen, nur 13% sind dafür. Diese Zahlen sprechen eine deutliche Sprache, die auch von betroffenen Wissenschaftlern zur Kenntnis genommen werden sollte. Die Wissenschaft ist auf die Akzeptanz ihrer Forschungsergebnisse durch die Bevölkerung angewiesen. Es mag sein, dass solche wissenschaftlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten bestaunt werden, doch bezüglich der praktischen Umsetzung stoßen sie auf breite Ablehnung.

Ein etwas anderes Bild ergibt die Einstellung zur Abtreibung. Seit langem schon werden in Deutschland pro Jahr etwa 135.000 Abtreibungen gemeldet (mit leichten jährlichen Schwankungen). In der Befragung wird von einem „Abtreibungstrend“ gesprochen. Der Meinung, gegen diesen Trend müsse etwas unternommen werden, sind 46%, etwas weniger, 41%, halten entsprechende Gegenmaßnahmen für nicht notwendig.

Ein fast ähnliches Bild ergibt die Frage nach der Einstellung zur Spätabtreibung, verstanden als Abtreibungen noch bis kurz vor der Geburt. Knapp die Hälfte (49%) lehnt Spätabtreibungen ab, 41% hingegen haben keine Bedenken. „Kurz vor der Geburt“ heißt, dass ein (fast) geburtsreifes Kind noch ganz knapp vor seiner Geburt durch Abtreibung daran gehindert wird, sein längst begonnenes Leben weiter zu leben. Wäre es vor diesem Eingriff als sogenannte Frühgeburt zur Welt gekommen, würde es als geborener Mensch den vollen Rechtsschutz genießen – zum selben Zeitpunkt aber noch ungeboren genießt es diesen Schutz nicht. Das ist ein Problem, das insbesondere behinderte Embryonen und Föten sowie behinderte Menschen betrifft.

Nimmt man alle Ergebnisse zusammen in den Blick, zeigt sich folgendes Bild: die Befragung ergibt eine hohe Zustimmung zum Lebensrecht des Ungeborenen ab der Kernverschmelzung. Sie läßt aber auch den Schluss zu, dass immer dort, wo jemand selbst betroffen ist oder sein könnte – etwa durch Präimplantationsdiagnostik oder durch die Frage einer Spätabtreibung nach erfolgter Pränataldiagnostik – die Einstellung von der grundsätzlich hohen Zustimmung zum Rechtsschutz für den Embryo abweicht. Persönliche Betroffenheit, die von Hoffnungen begleitet ist, verändert offenbar die Einstellung. Vor allem zeigt sich erneut das Bild, dass Behinderungen abgelehnt werden. Trotz des sachlich-unpersönlichen Begriffs ‚Behinderung’ heißt das nichts anderes, als die von ihr Betroffenen, eben Menschen mit einer Behinderung, abzulehnen, nicht nur im Embryonal- oder Fetalstadium, sondern grundsätzlich.

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